Wann fängt etwas an, wirklich zu werden?
Vielleicht erst beim Eintreten von etwas, oder doch beim reinen Gedanken an diese Sache. Nach Descartes denke ich, also bin ich; das trifft aber nicht auf das Gefühl der Wirklichkeit zu. Wochenlang war es so unwirklich, nach Japan zu reisen und hier zu leben, obwohl der Gedanke ganz rational existent war; ich zerbrach mir den Kopf um alles und verbrachte die letzten Tage nur mit Denken, Denken, Denken… Doch je näher es kam, desto mehr fand ich mich mit der Sache ab. Also wann fing Japan an, wirklich zu werden?
Vielleicht mit dem letzten Erwachen in meinem Bett neben meiner besten Freundin, mit der ich paar Stunden zuvor über die selben Themen redete wie immer; vielleicht mit dem Verabschieden meiner Familie am Flughafen; vielleicht mit den Tränen, die ganz sanft über meine Wangen kullerten als das Flugzeug endlich abhob; … Doch das alles war nur Akzeptanz; Wirklichkeit fing an als ich eine der 10% Ausländer war, die nach Tokyo flogen bzw. eine der 1% (gefühlt die Einzige), die dann nach Fukuoka umstiegen und dort landeten. Wirklich ist es, dass die Safety Instructions im Flieger von Geishas und Sumos erklärt werden; dass mein gebrochenes Japanisch auf gebrochenes Englisch trifft; dass selbst kalter grüner Tee hier besser schmeckt als in manchen deutschen Cafés; dass ich mich auf eine beheizte Toilette setze, die mehr Knöpfe besitzt als so manche Fernbedienung; dass man ständig angelächelt wird (Japaner sind so süß, auf die kann man gar nicht böse sein); dass die Hunde meiner Gastgeberin als Pikachu und Totoro verkleidet sind; dass hier kein einziges Auto von Volkswagen, BMW, Audi und co. ist, sondern nur von Toyota, Suzuki, Honda, usw.; dass man in einem Zug neben hundert Anzugträger steht und es irgendwie total angenehm ist, ein kleiner Fisch im Schwarm zu sein.
Wahrscheinlich falle ich in der homogenen Masse mehr auf als ich eigentlich will, aber trotz unendlicher Sprachbarrieren fühl ich mich irgendwie heimisch in dieser Fremde bzw. fühl ich mich fremd in einer anderen Art von Heimat. Und trotz einer Millionenmetropole fühl ich mich wenig überfordert (außer beim Einkaufen und Rätseln, ob dies und jenes vegetarisch ist); wahrscheinlich weil man sich im Zustand der absoluten Aufnahme befindet (ich bekomme so viel Input, dass es mir schwer fällt, Output zu geben). Ich gehe durch die Straßen mit der Illusion, dass ich mich hier auskenne; ich reihe mich in die Schlange ein, um in den Zug zu steigen… In diesen Momenten setzen die Gedanken aus und der Instinkt setzt ein: ein Instinkt sagt mir, dass ich mir öffentlich eher nicht die Nase putzen sollte und instinktiv weiß ich, dass ich mich in der falschen Schlange befinde und das Gleis wechseln muss.
In dieser Wirklichkeit kann ich nur akzeptieren und mich anpassen (so gelang es mir auch damals in der Schule, mich nicht von mathematischen Komplexen überfordern zu lassen), einfach nicht nachfragen, alles andere verwirrt einen nur noch mehr. Und wenn man glaubt, etwas verstanden zu haben, kann man anfangen, dahinter zu gucken; an diesem Punkt befinde ich mich aber noch lange nicht. Jetzt heißt es erstmal, in den nächsten Tagen eine Art Alltag zu finden (und natürlich die Sprachbarrieren zu überwinden); vielleicht bin ich dann etwas weniger Lost in Translation.