Anpassung

Nachdem ich heute durch den öffentlichen Nahverkehr wieder einmal Schock-therapiert wurde, muss ich zugeben, dass mir immer mehr eine innere Schizophrenie bewusst wird (in Bezug auf meine subjektiv wahrgenommene Anpassung).

Als erstes muss ich sagen, dass ich mich sehr angekommen fühle (auch wenn noch etliche Sprachhürden bestehen). An die Menschenmasse während der Rushhour, sprich nach Feierabend, hab ich mich gewöhnt und passe mich so gut es geht an. Es ist auch einfach ein Bild für die Götter, wenn man am Bahnhof mit seiner Masse zum Gleis geht und gleichzeitig ein anderer Zug ankommt. Da fühl ich mich leicht wie in einem Film von Herr der Ringe, wenn ein Heer der Orks während einer Schlacht auf das Heer der Elben trifft (na gut, so extrem ist es nicht, aber es liegt schon irgendwo zwischen Schlacht um Mittelerde und Headliner bei einem Festival). Außerdem ist es schön, wegen eines Kimono-ähnlichen Gewands von Japanerinnen Komplimente zu hören und sich fast täglich von Tofu zu ernähren (himmlisch). Endlich versteh ich auch einige High-Tech Geräte in meiner Unterkunft und im Supermarkt. Trotz diesem positiven Prozess gibt es eine unumkehrbare Sache, die mich hemmt (und in meiner Zurückhaltung bestätigt): mein Ausländer-Sein.

Das für mich Schwierigste ist es wirklich, sich den ganzen Tag in einer homogenen Masse zu bewegen und das Wissen darüber, dass sich das nicht ändern wird (okay, wahrscheinlich in Tokyo in Shibuya oder Shinjuku, da wimmelt es nur von Touristen). Ich fühle mich auch keineswegs diskriminiert oder sonstiges (eher andersherum, dass mir gerade wegen meiner Andersartigkeit so viel geholfen wird), aber man befindet sich trotzdem in einer gewissen Ausgrenzung. Japaner sind schüchtern und gerne für sich und man fällt einfach auf. Selbst ein blinder Japaner würde direkt merken, dass ich fremd bin. Nicht nur meine Augen(farbe) oder Haarstruktur (hier habe ich mit meinen dunklen Haaren vergleichsweise blondes Haar), sondern auch meine Statur, mein Gang, meine Klamotten usw. grenzen sich von der Masse ab. Das heißt vor allem, dass man oft angeguckt wird. Für jemanden, der ungern jede Aufmerksamkeit auf sich zieht, ist es manchmal unheimlich, immer im Mittelpunkt zu stehen. Auch wenn ich es hin und wieder versuche, aber das „Untergehen in der Masse“ ist schwer möglich. Man befindet sich quasi unter ständiger Beobachtung, weil jeder wissen will, was ein Ausländer hier macht (das klingt hoffentlich alles nicht zu melodramatisch; ich weiß, dass ich zu Melodramatik neige).

In diesem Zustand versucht man natürlich so viel wie möglich, um weniger aufzufallen; so macht man Dinge, mit denen man eigentlich (moralisch gesehen) eher weniger mit einverstanden ist. Ich habe bereits den Plastik-Konsum angesprochen, auch meinen eigenen Verbrauch. Hin und wieder denke ich an meinen Turnbeutel beim Einkaufen, manchmal vergesse ich ihn und hole schon wieder eine Plastiktüte (ich schmeiße diese ganzen Tüten natürlich nicht sofort weg, sondern verwende sie immerhin weiter). Man muss einfach einsehen, dass das Umweltbewusstsein in Japan unter dem Hygienebewusstsein steht (obwohl Japaner in manchen Aspekten deutlich umweltfreundlicher handeln, z.B. durch den effektiven Nutzen zahlreicher öffentlicher Verkehrsmittel). Es würde auch einfach schlichtweg nichts bringen, jemanden darauf anzusprechen oder gar jemanden vorzuschlagen, etwas nachhaltiger zu handeln.

Ich versuche vielleicht zu oft, mich vor mir selber zu rechtfertigen, dass ich nicht (nach Hannah Arendt) gedankenlos einfach irgendwelchen Prinzipien folge und so Leid erschaffe; ich bin mir meiner Stellung im System durchaus bewusst und so heißt es für mich, nachzumachen, was die Leute vor mir tun, um bloß nicht noch mehr aufzufallen.

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  1. Avatar von Unbekannt

1 Comment

  1. Ein verspäteter Beitrag
    Generation Z meets Generation Baby Boom
    Julia Dein Blog ist sehr emotional und authentisch geschrieben Weiter so!
    1989: Edmonton Südkanada. Sonne dringt in das Innere der Maschine. Gesichter werden deutlich- now you are leaving the white part of Canada. Neben uns werden die markanten Gesichtszüge der Inuit deutlich. Für sie bedeutet der Flug ein „coming home“-für uns ein Aufbruch in das große Abenteuer. Wird es uns gelingen ein Kanu zu kaufen und einen Transport mit dem Buschflugzeug zu organisieren? Kurz vor der Zwischenlandung in Yellowknife wird die scheinbare Unendlichkeit der Tundra deutlich. Wie kann man hier leben? Stunden später landen wir in Inuvik- Ort der Menschen. Die kanadische Regierung startete hier ein Experiment-eine künstliche Siedlung am traumhaft schönen Delta des Mackenzie River zu installieren.: 1/3 Inuit, 1/3 Indianer, 1/3 Weiße. Wer ist hier zu Hause und wer ist hier Fremder? Wieder wird nach wenigen Momenten deutlich, dass wir „Traveller“ hier die Fremden sind. Weit und breit sehen wir nur Menschen, denen man ansieht, dass sie hier seit Generationen leben. Die Inuit sind sehr freundlich und möchten wissen, was wir vorhaben. Weiße Gesichter sehen die Menschen hier selten, da die erhoffte Zuwanderung von weißen Kanadiern nur schleppend funktioniert. Das Leben in dieser Natur erfordert besondere Anforderungen. Dauerhaft kann sein „Fremdsein“ nur verringern, indem man die Lebensweise dieser Menschen respektiert und mit Ihnen im Einklang lebt. Ganz ablegen wird man dies nie können, da wir über Jahrhunderte mehr Wahlmöglichkeiten für die Lebensgestaltung hatten. Die Mehrheit der wenigen Weißen hier sucht entweder das große Business oder sucht einen neuen Sinn im Leben. Diese Inuit Kultur zu erhalten erscheint mir das Wesentliche in der Begegnung von Inuit und Fremden zu sein. Das anschließende eigene Erleben in Tundra und Taiga am Eismeer hinterlässt in mir einen tiefen Eindruck, der meine Ansichten über „Fremdsein“stark beeinflusst haben. Sich selber fremd fühlen erscheint bei dieser Demut über Kultur und Natur an diesem wunderschönen Flecken der Erde so nebensächlich, dass nur die direkte Begegnung mit Mensch und Natur einen hohen Wert hat. Ob Japan oder North West Territories Begegnungen mit anders aussehenden Menschen bieten Chancen das „Menschsein“ auf ein höheres Niveau zu bringen. Fernab von Blicken ist hier der direkte Kontakt die einzige Chance, Brücken zu bauen. Jeder Mensch fühlt sich irgendwann fremd. Auch 30 Jahre nach dem Abenteuer am Eismeer hat sich daran nichts geändert.

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