Weihnachten (oder so)

Es ist Dezember; die Zeit verfliegt in Lichtgeschwindigkeit. Doch so schnell wie jetzt verflog sie noch nie; ich komm ja kaum hinterher, hier einigermaßen regelmäßig Sachen zu schreiben oder zu erzählen (es gibt auch einfach viel zu viel zu erzählen; viel zu viele Eindrücke und Erfahrungen). In einem fremden Land erlebt man Dinge, die nicht immer den richten Platz in einem Blog finden oder die nicht für das Medium „Text“ geschaffen sind. Da mir aber kaum ein anderes Medium zur Verfügung steht außer das Schreiben, versuche ich mein Bestes, zu dieser besonderen Zeit im Jahr meine Gefühle und Gedanken zum Ausdruck zu bringen.

In meinem Kopf beschäftigen mich zur Zeit zwei große Hauptgedanken: Zum einen das „Weihnachtsfest“ bzw. meine Glückseligkeit, kein Fest zu haben und fernab von Deutschland zu sein und der Punkt des stetigen Wandels (der eigenen Persönlichkeit). ACHTUNG: Ich kann jetzt schon mal sagen, dass der Eintrag ziemlich lang wird.

Fangen wir mit dem weniger komplizierteren Thema an: mein verhasstes und (meiner Meinung nach) zu überschätztes „Fest der Liebe“, oder einfach Weihnachten. Wie viele ja wissen, bin ich kein Mensch von guter Feiertagsstimmung, ich mag schlichtweg keine Feiertage (außer den Punkt, dass man an diesen Tagen normalerweise frei hat). Meine Abscheu spitzt sich vor allem im Dezember zu; Weihnachtsmarkt, die zugespitzte Konsumgesellschaft, Druck über unnötige Geschenke, elendiges Gelaber über Dankbarkeit und Nächstenliebe und dann noch Weihnachten und Silvester. Dass das Ende des Jahres für viele eine emotionale Explosion ist, ist ja bekannt; für mich ist es aber vergleichbar mit einer Atombombe (dazu gehe ich aber beim anderen Thema genauer ein).

Also, was macht Julia an Weihnachten bzw. was macht man in Japan an Weihnachten? Nun ja, hier ist Weihnachten eher ein Fest der Pärchen. Liebespaare schenken sich Schokolade und verbringen den Tag gemeinsam, indem sie sich die „Illuminations“ im Zentrum (Tenjin oder Hakata) angucken; was auch beliebt ist, ist ein Besuch im Planetarium. Komischerweise mache ich genau das (trotz fehlenden Liebespartner); ich gehe mit einem Japaner, den ich letztens kennengelernt habe, ins Planetarium und dann noch zu der Lichtershow (ich wünschte, ich könnte hier beschreiben, wie lustig Japaner das Wort „Illumination“ aussprechen). Also macht die Traditionskritikerin Julia Tradition (made in Japan versteht sich).

Außerdem kann ich sagen, dass ich am Ende des Jahres noch nie so glücklich war. Dezember fühlt sich nicht an wie Dezember (bei durchschnittlich 12°C Sonne auch schwer vorstellbar). Hier gibt es zwar auch einen Weihnachtsmarkt, sogar viel mehr Weihnachtsbeleuchtung als in Deutschland und in jedem Laden wird Weihnachtsmusik gespielt, aber das hat alles nicht diesen ekligen christlichen Beigeschmack. Außerdem gibt es nicht diesen Konsumzwang; man schenkt sich nicht wirklich was (außer Schokolade und vielleicht junge Familien ihren Kindern etwas). Vielleicht ist es für mich gerade richtig: wunderschöne Lichter ohne Geschenke oder so einen Quatsch. Ich habe mich ja bereits letztes Jahr gewehrt, Sachen zu verschenken, habe mich aber trotzdem der Weihnachtsstradition wieder mal irgendwo unterworfen. Dies wird sich aber ab jetzt ändern, da ich ja hier darin bestätigt werde, dass man keine Geschenke und auch kein familiäres Beisammensein braucht (ich brauche es zumindest nicht).

Also liebe Leute, macht euch bitte keinen Stress zu Weihnachten (es ist doch sowieso jeder immer genervt) und macht euch keinen Druck, was Geschenke angeht. Um ehrlich zu sein, verstehe ich Weihnachten nicht: Warum soll ich gerade an diesem Tag dankbar für mein Essen und Leben sein? Warum soll ich gerade zu dieser Zeit Gutes tun und Nächstenliebe zeigen? Kann man das nicht das ganze Jahr über? Nun ja, ich bin immer dankbar; mein Leben ist nicht selbstverständlich, und deshalb verstehe ich auch nicht, warum ich dann zu Weihnachten gerade jemanden etwas beweisen muss… Naja, langes und tiefes Thema und ich will mich nicht irgendwo verrennen (habe ich eventuell schon)…

Zum anderen Thema passt das Lied, welches hier verlinkt ist. Ich habe es viel nach dem Abiball gehört (uff, Abi fühlt sich schon so weit weg an…) und fange jetzt gerade wieder an, es öfters zu hören, weil sich einfach so viel verändert. Und dazu verändert man sich selbst am meisten; wer also die gleiche Mood wie ich haben will (zumindest die Mood, die mich dazu gebracht hat, dieses Thema anzusprechen) mache doch mal das Lied an, hört etwas auf den Text und reflektiert mal das Jahr und sich selbst, was alles so passiert ist und wie man sich doch gewandelt hat (man kann es auch „persönlichen Jahresrückblick“ nennen).

Tame Impala – Yes I´m Changing

Um Euch, liebe Leute, vor meinem Jahresrückblick zu bewahren (in Deutschland gibt es bestimmt gerade einen Rückblick nach dem anderen im TV), will ich eher auf die Sache an sich eingehen: eine Veränderung.

Normalerweise reflektiere ich jedes Jahr am 30.12. mein eigenes Jahr und bin meist bedrückt; Veränderung ist etwas seltsames und ungreifbares. Ich habe auch lange überlegt, ob ich dieses Thema später (eher zu Silvester) ansprechen soll, aber das Skype-Telefonat mit meiner Klasse hat mich dazu gebracht, meine Gedanken und Gefühle jetzt schon zu äußern. Außerdem denke ich schon die ganze Zeit über dieses Jahr nach und mache täglich einen kleinen Rückblick (grob gesagt: verlorene und neu dazugewonnene Menschen, Abitur und Arbeitswelt, Reise und Japan).

Es war schön, die gleichen Menschen von damals zu sehen und (natürlich räumlich getrennt) mitzuerleben; manche Sachen ändern sich nie… aber das Gefühl zu diesen Sachen ändert sich. So war es auch total befremdlich, diesen Schritt zurück in die Vergangenheit begangen zu haben und für einen Moment die Person zu sein, die jeder in eine gewisse Art von Schublade gesteckt hat und man selber weiß, dass diese Schublade kaum noch korrekten Inhalt mit sich bringt. Wenn man mal darüber nachdenkt, wer man so vor einem Jahr war und in welcher Situation man sich befand, dann kann zumindest ich sagen, dass sich fast alles zu 180° gedreht hat; ich kann mich kaum noch wiedererkennen. Ich schaue mit Unbehagen ins letzte Jahr, will kaum noch weiter in dieser Vergangenheit stecken; doch je mehr ich meinem jetzigen Zeitpunkt gedanklich näher komme, desto mehr merke ich, dass ich jetzt nicht mal mehr die Person bin, die ich vor der Reise war, bevor ich ins Flugzeug gestiegen bin. Natürlich habe ich mich verändert; eine Reise in ein fremdes Land kann nur Entwicklung und Entfaltung mit sich bringen. Ich spüre wie mein kleiner Schmetterling immer größer und bunter wird; er trägt Farben, die er noch nie zuvor getragen hat.

Irgendwo macht mich es glücklich, diese positive Entwicklung begangen zu haben, dennoch erschrecke ich mich vor der Simplizität einer Entwicklung. Man braucht nicht in ein anderes Land fahren, eine andere Stadt oder ein anderes Umfeld reichen schon aus, um sich immer wieder neu zu entdecken. Dies löst aber auch gerade dieses Unbehagen aus, wenn man wieder zurück tritt, weil man dann seine ganze Entfaltung wieder einfalten muss; der Schmetterling muss seine ausgebreiteten Flügel einklappen und kann nicht mehr fliegen. Man wird dazu gebracht, eine Maske aufzusetzen, die einen kaum noch passt; vielleicht passen die Umrisse, aber die Details sind so verschieden… und wenn man sich dazu bereit erklärt, diese alte Maske abzulegen, kann man nur hoffen, dass das alte Umfeld die neue Person annimmt und toleriert.

Die Zeit rinnt durch unsere Finger, so zerfließt auch immer wieder das Glück. Ich frage mich, mit welcher Energie man überhaupt immer wieder weiter lebt, obwohl man doch weiß, dass sich sowieso alles ändert wird. Man läuft ziellos durch das Leben; Glück ist vergänglich. Und das sage ich nicht mit traurigem Gemüt, Trauer und Unglück sind genauso vergänglich. Aber manchmal wünscht man sich vielleicht eine Pause, einen kleinen emotionalen Haltepunkt, welchen man nie zu fassen bekommt, da Veränderung nicht stoppt. So kann man nur mit Anspannung und etwas Angst in die Zukunft blicken, ob man im nächsten Jahr zur gleichen Zeit wieder eine andere Person sein wird, mit der man am Ende zufrieden ist. Ich bin es jetzt zumindest und ich hoffe, dass jeder, der eventuell auch eine kleine subjektive Reise begangen hat, es auch ist und es immer wieder sein wird.

Yes I’m changing, yes I’m gone
Yes I’m older, yes I m moving on
And if you don’t think it’s a crime you can come along with me

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