Wachstum

Okay, der letzte Beitrag ist viel zu lange her. Doch wahrscheinlich fällt nicht nur mir auf, wie schnell die Zeit rast; hat auch nichts mit Japan zu tun, dass man sich bewusst wird, dass es auch schon wieder fast Februar ist… Nun denn, ich habe mich dazu entschieden, mal wieder etwas zu schreiben. Zum einen, weil der ein oder andere eventuell an mir und meiner Situation interessiert ist, und zum anderen, weil ich irgendwie einen ziemlich großen Drang nach Expression verspüre.

Es ist 2020 (by the way, Frohes Neues bzw. 明けましておめでとうございます), der Januar neigt sich dem Ende zu und das bedeutet, dass ich Fukuoka, die Stadt, die mir das Leben in einer Großstadt, das Leben alleine, und das Leben in Japan beigebracht hat, bald verlasse. Irgendwo betrauere ich dies, da ich wunderbare Menschen kennen lernen durfte und Freundschaften geschlossen habe (vor allem, weil man jetzt ins Ungewisse abreist, wie sich diese Bekanntschaften nun entwickeln werden…). Auf der anderen Seite ist es auch wieder gut, abzureisen. Der kleine Abenteurer in mir ruft nach Veränderung und Neuem; auch wenn das heißt, sich immer wieder neu auf eine Stadt einzulassen und immer wieder am Anfang zu stehen, aber das gehört nun mal dazu. Jedoch will ich in diesem Beitrag nicht die Reisen thematisieren (das kommt dann, wenn ich die ganzen Städte besuche und dort eintauche); ich will viel mehr über mein Wachstum in den ersten (fast) drei Monaten reden.
Wo fängt man da an? Drei Monate sind nichts, aber dennoch voller Singularitäten, die das eigene kleine Individuum stets weiterschieben, auch wenn es manchmal schwer ist. Und dies bringt mich zu einer ernsteren Problematik, die ich in Japan zu bewältigen lernen musste (oder noch muss): Melancholie.

Ich war schon immer und werde auch immer sein, ein Kind geprägt von Melancholie. Und selbst der Fakt, hier zu sein, suggeriert nicht, immer glücklich und froh zu sein. Wenn mir jemand sagt, dass er 10 Monate stets glücklich war, dann hat er wohl noch kein richtiges Glück erlebt. Tiefpunkte gehören wie Hochpunkte zum Leben dazu (das Leben sei eine Sinus-Funktion, für die Mathematiker unter uns). Hoffentlich besitzt jeder Mensch seine eigenen Bewältigungsstrategien für die dunklen Zeiten; manch einer verkriecht sich, manch anderer geht raus. Auch ich habe natürlich jene Dinge, die ich tue, damit ich mich besser fühle. Nur was macht man, wenn diese Sachen nicht zu erreichen sind und man von Null anfangen muss, wenn man (wie meine Therapeutin immer zu mir meinte) „in schweren Zeiten gut für sich selbst sorgen muss“? Ich habe hier leider kein Klavier, keine Farben oder Wände zum Bemalen, weder habe ich meine besten Freunde um mich herum, zu denen ich im Notfall mit dem Auto fahren kann, noch habe ich die weiten Felder für meine Achtsamkeitsspaziergänge. Ich habe mich und eine phasenweise auftretende Melancholie, die mich dazu bringt, anders gut für mich selbst zu sorgen. Und das, muss ich sagen, ist (für mich) eine der schwersten Aufgaben eines Auslandsaufenhaltes; auf der anderen Seite aber auch eine Aufgabe, auf die man stolz sein kann, wenn man sie bewältigt.

Also was macht man, wenn der Regen nicht aufhört, obwohl die Sonne schon scheint; wenn man sich in der Menschenmasse verliert und nur Einsamkeit findet? Nun ja, meine erste Antwort war Improvisation (aber da werden bestimmt noch andere Antworten kommen): statt am Klavier spielte ich auf einem kleinen Keyboard eines Freundes, statt einer Leinwand kritzelte ich ins Skizzenbuch, statt eines Besuches bei der besten Freundin wird halt angerufen (auch wenn man am Ende des Tages doch wieder alleine im Bett liegt). Das Wichtigste ist aber, einfach weiterzumachen, weiterzuatmen, und sich weiterhin an Camus‘ Gedanken zu erinnern, dass durch die Sinnlosigkeit des Lebens absolute Freiheit gewährt wird.
Vielleicht ist es auch deshalb gut, Fukuoka zu verlassen und sich neu zu organisieren; so bleibt nämlich keine Zeit, von Gedankentornados erwischt und überrollt zu werden. Außerdem bieten andere Orte neue Inspirationen, welche in der (hier für mich) wichtigsten Kunstform ausgedrückt werden können: die Poesie.

Irgendwie paradox aus einer Leere heraus, zu wachsen; doch bereits der Urknall (da sind wir wieder bei Singularitäten) hat gezeigt, dass aus Nichts auch Etwas entstehen kann. Anders gesagt, können die inneren Blumen nur durch Regen wachsen; und selbst in Japan tun sie dies.

Regen
Meine Sicht ist feucht; der Himmel prasselt auf mich herab und der Regen hüllt die Gedanken in blau.
Meine Sicht ist feucht und alles fängt an zu glitzern; Lampen, Neonreklamen und Augen, sie glitzern.
Meine Sicht ist feucht; doch woher weiß ich, dass meine Sicht wieder trocknet, wenn der Regen aufhört?

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