Nagasaki

So, der erste Städte-Trip liegt hinter mir und somit der Beginn des Nomaden-Lebens bzw. der Abschied von Fukuoka, welchen ich wohl am Ende des Beitrags thematisiere (Uff, das wird wieder ziemlich lang). Ich glaube, ich werde von meinen Reisen mehr erzählen als von meinem normalen Alltag (es gibt wahrscheinlich auch mehr zu erzählen); also wer diese kitschigen und nachdenklichen Einträge nicht so gerne mag, kann sich jetzt auf „oberflächlichere“ Einträge freuen.

Also Stadt Nr.1: NAGASAKI
Vom 05.02. bis zum 09.02. war ich mit einem deutschen Freund (naja „deutsch“, er kommt aus Bayern), welchen ich in Fukuoka kennengelernt habe, mit dem Auto in Nagasaki unterwegs, obwohl wir nur drei volle Tage dort waren und die anderen zwei Tage eher Roadtrip-mäßig auf Kyuushuu unterwegs waren. Ich verzichte mal auf eine chronologische Erzählung der Ereignisse und beschreibe lieber die Highlights und meine Emotionen (es wird vielleicht doch emotional).

An was denkt man, wenn man Nagasaki hört? Natürlich an die Wasserstoffbombe (manch einer mag vielleicht Atombombe sagen, aber es gibt einen physikalischen Unterschied zwischen der Atombombe in Hiroshima und der Wasserstoffbombe in Nagasaki (Kernspaltung und Kernfusion ist noch ein Unterschied)), welche am 09.08.1945 um 11:02 Uhr in Nagasaki explodierte. So wie ich jetzt das traurigste Thema am Anfang behandeln will, so haben wir dies auch am ersten Tag gemacht, um es „abzuhaken“.
Ich weiß gar nicht, was das schrecklichste daran war; das erste Mal Gänsehaut hatte ich als wir vorm Hypocenter (die Stelle, wo die Bombe explodierte) standen und ich aus Interesse auf die Uhr schaute: zufälligerweise genau 11:02 Uhr… Mir kamen die Tränen, da man einfach nicht fassen kann, dass so etwas vor gar nicht allzu langer Zeit passiert ist. Man lernt diese Sachen ja in der Schule, dabei hat man aber noch eine relativ große Distanz zu diesem Ereignis; man bedauert es vielleicht, aber kann natürlich die Geschehnisse nicht nachfühlen. Obwohl ich nun an dem Ort war, von dem in Geschichtsbüchern immer die Rede ist, kann ich natürlich das Leid auch nicht zu 100% nachfühlen, aber es war mehr als Mitleid oder Mitgefühl, mehr als Schock und Trauer, es hat sich angefühlt wie Gänsehaut im ganzen Herzen und in der Seele. Dies wurde im Atomic Bomb Museum nur noch weiter verstärkt: Bilder der Zerstörung, Briefe von Zeitzeugen, reale Ausstellungsstücke und Uhren, die alle um 11:02 Uhr stehen geblieben sind. Genauso wie diese Uhren blieb auch jedes Glücksgefühl in uns stehen, so dass wir nach dem Besuch des Museums erstmal eine längere Pause brauchten, um herunterzukommen und zu verdauen.

Observation Desk

Am selben Tag haben wir zum Glück noch etwas anderes gemacht, was nicht H-Bombe-related ist (besonders mir fiel es schwer, die Bilder aus dem Kopf zu bekommen, da meine starke Vorstellungskraft und Fantasie dafür sorgten, dass ich, egal wo ich hinschaute, die Bombe im Himmel gesehen hab). Wir schauten uns den Sonnenuntergang und den Blick auf Nagasaki bei Nacht vom Inasayama (Mount Inasa) an. Dieser Ausblick war etwas, wo ich nicht wusste, dass man es gesehen haben muss, wenn man es dann sieht. Das Glitzern der Straßen verzauberte einen, so dass man eigentlich nur staunen konnte. Also wenn man in Nagasaki ist, ist dies auf jeden Fall ein Must-See!

Ein weiteres Highlight war Chinatown bzw. das Laternen-Festival, welches glücklicherweise noch im selben Zeitfenster wie unsere Reise stattfand. Bevor wir nach Nagasaki kamen, war uns nicht bewusst, wie multi-kulti die Stadt doch ist: neben einem europäischen Stadtviertel, welches von den Portugiesen und Niederländern aufgebaut worden ist, gibt es noch ein riesiges chinesisches Viertel, welches natürlich auch das chinesische Neujahr zelebriert. Insgesamt wurden 15.000 Laternen aufgehängt und mehrere Statuen überall in der Stadt aufgebaut, welche besonders nachts ihre Magie versprühten. Seltsamerweise gibt es dort auch viele Schnittpunkte zwischen chinesischer und europäischer Kultur: in der einen Straße hängen Laternen, nebenan gibt es Kopfsteinpflaster und Stein-Brücken.
Die berühmteste von diesen ist die „Brillen-Brücke“ (めがね-Bridge), welche einen von mehreren Heart-Stones beinhaltet.

Ein Herz aus Stein
Ich sah ein Herz aus Stein; meine Liebe zu dir wie in Stein gemeißelt.

Nagasaki, 07.02.2020

Neben den ganzen Sehenswürdigkeiten in Nagasaki gab es auch richtige Diamanten auf der Hin-und Rückfahrt. Auf der Hinfahrt war ein Highlight „象の鼻“ (keine Ahnung, wie man das auf Deutsch ausdrücken soll, aber es waren eine Art Klippen); auf der Rückfahrt war es der „Yūtoku Inari Shrine“ (und ein traditionelles Fest, in welches wir zufälligerweise hineingeraten sind).

Beides hatte etwas von Freiheit und Adrenalin (aus dem Grund, da ein falscher Tritt schnell das Ende bedeutet hätte). Besonders der Besuch des Schreins und des Festes hatte etwas Magisches und Unantastbares; wann hat man schon die Möglichkeit, Geishas bei traditionellen Tänzen zuzusehen? Es wirkte wie ein Film und wir wollten gar nicht mehr gehen. Als wir es dennoch schafften, weiter in Richtung Schrein zu laufen, warteten hunderte von Stufen quer durch den Wald auf uns; Japan, ein Land mit wunderbarer Natur und sehr sportlichen Menschen…
Des Weiteren ist uns aufgefallen, dass ein ganzes Leben für Japan nicht ausreicht und man sich unbedingt ein Auto mieten sollte; an die schönsten Orte kommt man nur mit einem Auto!

Nun ja, ich könnte noch Seiten über Seiten von Japan und meinen Erlebnissen schreiben, aber irgendwo muss man ja aufhören, um irgendwo anders neu anzufangen. So will ich nochmal kurz auf das Thema „Neuanfang“ eingehen: mein Abschied von Fukuoka.
Jedes Ende birgt einen Anfang; es ist seltsam, die Großstadt, die ich irgendwo als „zweite Heimat“ betiteln würde, zu verlassen, weil ich mich schon so eingelebt habe und viele tolle Menschen kennen lernen durfte. Ich habe dies ja bereits schon mal erwähnt, deshalb halte ich mich kurz.
Am letzten Tag hier und während der Verabschiedungen von meinen Freunden fühlte ich mich leer und geladen zugleich; ein Gefühl von Angst, Trauer und Aufregung. Jetzt heißt es, wiedereinmal auf neue Gesichter zu treffen, die Straßen auswendig zu lernen und Rückzugsorte aufzubauen. Und um ehrlich zu sein, habe ich mir das alles einfacher vorgestellt. Es ist schon krass, was für eine Bindung man innerhalb von drei Monaten aufbauen kann, aber es gibt kein zurück, hoffentlich ein „Auf Wiedersehen“. Also, Sayōnara Fukuoka-shi (さようなら 福岡市)…

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