Hiroshima

Kyuushuu liegt hinter mir und ich muss sagen, dass ich etwas aufgeregt war, nun auf Honshu zu sein. Die Busfahrt war angenehm und dennoch aufregend: neue Landschaften, neue Gesichter, neue Systeme und neue Städte.

Stadt Nr.2: HIROSHIMA
Vom 11.02. bis zum 16.02. habe ich (diesmal alleine) Hiroshima besichtigt, und somit das Gegenstück zu Nagasaki besucht. Beim Reisen ist mir auch diesmal wieder der große Vorteil davon aufgefallen, alleine zu sein; man lernt einfach viel mehr Leute und Geschichten kennen. Gerade in Hiroshima gibt es viele Touristen (da fühlt man sich endlich mal nicht wie ein Alien), und deshalb können die Japaner hier auch etwas besser Englisch.

Wie in Nagasaki habe ich alle Orte, welche mit der Atombombe zu tun haben, als erstes besucht, damit ich genug Zeit habe, das Leid zu verdauen. Ich schlenderte im Regen im Peace Park herum und legte meinen Papier-Kranich (das japanische Friedenssymbol) neben den ganzen anderen Kranichen, welche die Monumente etwas bunter wirken ließen.
Obwohl ich durch das Museum in Nagasaki eigentlich schon ganz gut gewappnet war, was Leidensgeschichten angeht, hat mich das Atombombenmuseum in Hiroshima noch viel mehr getroffen: die Stimmung, die Atmosphäre und die Geschichten wurden so authentisch wiedergegeben, dass ich ab einem Punkt im Museum die Schilder nicht mehr lesen konnte, da meine Sicht zu verschwommen war. Die Geschichten von Familien, die ihre Kinder verlieren, Geschichten von Kindern, die ihre Eltern verlieren, Bilder von Bränden und Zerstörung, … wer dort nicht weint, weiß wohl nicht, was Empathie bedeutet. Ich will auch nicht zu sehr auf das Thema eingehen, da ich nur jeden empfehlen kann, das Museum selbst zu besuchen. Die Geschichte des Zweiten Weltkrieges verfolgt uns immer noch und ist der Grund dafür, wie unser Leben jetzt funktioniert, deswegen ist es umso wichtiger, sich mit dem Thema ausgiebig zu beschäftigen.

Red Bird Monument (Hope for world peace)
I will forever dream, simply as I did in my boyhood, and therefore I suffer only little. Miekichi.

Im Vergleich zu Nagasaki habe ich auch nicht allzu viel gemacht und eher einen entspannten Städte-Trip erlebt; zum einen weil mir Nagasaki noch lange in den Knochen hing und zum anderen, weil in Hiroshima (durch die Zerstörungswucht der Bombe) jegliche historischen Gebäude zerstört wurden. Des Weiteren habe ich mich erstmal an Schreinen „satt gesehen“ (das wird sich in Kyoto bestimmt wieder ändern), so habe ich nicht krampfhaft versucht, alles irgendwie mal gesehen zu haben, sondern habe nach Lust und Laune hier und da was besucht.

Ein großes Highlight meines Hiroshima-Besuches waren die Inseln Okunoshima und Miyajima, da die eine voller freilaufender Hasen und die andere voller wilder Rehe war (und wie jeder weiß, liebe ich Tiere mehr als Menschen). Zu diesen zuckersüßen Tieren kam aber noch hinzu, dass paradiesische 18°C und Sonnenschein mir die sonst kühlen Februar-Tage verschönten. Als ich an den Stränden spazieren ging und ich den Wellen beim Flüstern zu hörte, fielen mir zwei Gedanken in den Kopf: Zum einen kann ich nicht ohne das Meer leben, es gehört einfach zu einem Nordlicht dazu; zum anderen habe ich mich gefragt, was ich eigentlich für ein Leben habe?! Wer spaziert schon an einem der schönsten Strände auf einer kleinen Insel mitten in Japan entlang und schaut zu, wie die Sonne hinter den Bergen untergeht? Richtig, ICH und ich habe dabei die Zeit meines Lebens. Selten habe ich es so genossen, alleine zu sein, da ich in diesen Tagen viele Erkenntnisse gewinnen konnte.
Viele sagen, sie finden sich selbst, wenn sie reisen und machen prägende Erfahrungen; und an diesen Tagen habe ich dies zum ersten Mal so richtig gespürt: Ich erkenne, dass ich erkenne (klingt vielleicht seltsam, aber es hatte etwas befreiendes). Mit jedem Tag wachse ich immer mehr aus meiner Situation heraus und strebe nicht verkrampft auf ein Ziel an; ich lasse mich und meiner Entwicklung freien Lauf und erkenne, dass der Weg das Ziel ist (sagt man ja so oft, aber hat das einer schon mal so richtig gespürt?).

Neben den süßen Bambies auf Miyajima liegt auf der Insel noch das Welt-Erbe des Itsukushima-Schreins. Zu meinem Pech wird gerade das berühmte Torii-Gate renoviert (da ist man mal hier…). Dennoch war die Landschaft und der Schrein zauberhaft. Besonders als plötzlich etwas passiert ist, was ich bisher als meinen „Lieblingsmoment Japans“ betiteln würde: Als ich mir den Schrein und das Torii von außen anguckte, die Sonne langsam Richtung Berge wanderte und die letzten Sonnenstrahlen sich im Wasser spiegelten, ertönte Musik aus einem der nahe gelegenen Tempel… man muss dies einfach mal erleben, wenn zu so einem Moment noch die passende und spirituelle Musik abgespielt wird.

Hiroshima Castle

So geht aber nun dieser entspannende Trip zu Ende; er war wie eine kleine Kur für meine Seele. Dennoch packe ich meine Sachen und mache mich auf zur nächsten Stadt: Kobe.

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