Strom

Was passiert eigentlich gerade mit dieser schönen Welt?
Ich dachte ich melde mich aus diesen schweren Zeiten heraus, auch um zu berichten, wie das so ist, in Japan zu sein und nicht in der Heimat. Vor allem weil sich in einer Woche schlagartig so vieles geändert hat und man kaum noch hinterher kommt.

Ich bin in Kyoto, und als ich hier ankam, waren alle Sorgen bezüglich des Virus wie weggeblasen. Kyoto ist wunderschön und beruhigend, jedoch ist eine Sache anders… Die Straßen sind leer und etwas stimmt einfach nicht. Abgesehen davon, dass ich mich mit meinem Working Holiday Visum nicht ausleben kann, da vor allem die Tourismus-Branche still gelegt ist und Arbeiten einfach sowieso selbst in Japan nur schwer funktioniert, werden Sachen abgesagt und Orte stillgelegt. Das ist zwar nichts neues, aber hier merke ich erst so richtig die Auswirkungen davon. Ich mein die Kirschblüten fangen trotzdem an zu sprießen, aber was ist das Sakura-Fest ohne Hanami (Picknick unter den Kirschblüten)? Was ist eine Reise ohne die individuelle und sorgenlose Freiheit?

Ich habe für mich beschlossen, dass das keine Reise ist, die ich in einem so besonderen Land wie Japan so führen und erleben will. Natürlich warte ich noch ab, nur ist es schon erschreckend, wenn man alle paar Tage eine Mail von der Deutschen Botschaft in Tokyo bekommt und man damit rechnen muss, Japan nicht mehr verlassen zu können. Da Japan gerne mal der USA folgt und sich sowieso gerne mal isoliert, kann es bald sein, dass niemand mehr ein- und ausreisen darf. Dies ist erschreckend, aber auch unendlich traurig. Aber damit habe ich mich bereits abgefunden; auf zwei verschiedene Art und Weisen, und jetzt kommt wieder Kyoto mit ins Spiel.

Da mir nichts anderes übrig bleibt und Kyoto einfach zauberhaft ist, nutze ich die Zeit sehr, um Sachen zu besichtigen (solange ich noch kann). Ich habe aber keine so richtigen Pläne und schaue einfach mal, was mich erwartet und was es für versteckte Schätze zu entdecken gibt. Ich spare mir aber eine Auflistung, da ich manchmal gar nicht genau den Namen weiß.
Einen Tag habe ich eine Reihe von Zen-Tempeln und -Gärten besucht (wo ich mich auch kurzzeitig verlaufen habe und den Ausgang nicht mehr gefunden habe, aber naja). Bei dem einen Tempel konnte ein Abt überraschenderweise Deutsch und gab mir eine Sache zum lesen. Ich wusste schon vorher etwas über Zen-Buddhismus, aber wurde nochmal ausführlich darüber aufgeklärt. Die Worte und Gedanken kamen nicht mehr aus meinen Kopf und ich habe verstärkt über Zen und die damit verbundene Natur nachgedacht; vor allem der Satz, dass das Leben wie ein Fluss ist und man immer weiter strömen muss und nicht stehen bleiben soll, löste etwas in mir aus. Natürlich, der Gedanke ist nicht neu und das weiß ich auch. Nur empfinde ich einen Unterschied zwischen „Wissen“ und „Fühlen“; manche Sachen weiß ich mit dem Kopf, aber um etwas wirklich zu verstehen, muss ich es auch mit dem Herzen fühlen.

Ich ging also an einem Fluss lang und beobachtete ihn, meine Gedanken waren an meine jetzige Situation gerichtet.
Ich liebe Japan und mein Ziel war es, nach der Schule hier zu sein, ein unvergessliches Jahr zu haben und danach dem nächsten Ziel entgegen zu laufen und Psychotherapeutin zu werden. Und alles bisher lief ziemlich glatt; Abi gut bestanden, Psychotherapie-Reform mit neuem Studiengang, Japan-Reise, … nun denn, jetzt kommt aber dieses Virus und alles steht Kopf. Wenn man mich kennt, dann weiß man, dass ich nicht so die flexible Person bin und bei mir immer alles einen Plan hat und ich diesen zielstrebig verfolge. Jetzt stehen wir aber alle vor einer Ausnahmesituation und alle Pläne müssen vorerst beiseite gelegt werden. Das weiß ich…
Ich beobachtete also den Fluss und schaute zu, wie der Fluss wegen Steinen und Hindernissen seinen Weg ändern muss, trotzdem floss er weiter. Vielleicht sollte ich auch aufhören, meinem selbst gebauten Kanal zu folgen, wo alles reibungslos und gerade verläuft. Stattdessen sollte ich dem Strom der Natur und dem Fluss folgen. Und als ich diese Eingebung hatte, habe ich die Entscheidung mit dem Herzen gefühlt; mein Herz hat verstanden, dass diese Lage nicht mehr zu ändern ist und nicht alles so läuft wie geplant.

Wahrscheinlich klingt das für einige etwas sehr kitschig, aber man fühlt sich einfach anders, wenn man in einem fremden Land ist, sehr viel Zeit zum Nachdenken hat und durch die gesammelten Eindrücke für sich selbst neue Erkenntnisse ziehen kann. Und so merke ich auch, dass ich ein Ziel meiner Reise bereits erreicht habe: japanische Kultur und Philosophie aufnehmen und damit arbeiten.

Alles ändert sich und das ist gut so.

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