Ich dachte, vielleicht interessiert es einige von meinen Lesern, wie denn „genau“ ein normaler (relativ normaler) Tag in meinem Leben aussieht; natürlich ist nicht jeder Tag gleich und ich werde immer noch täglich von Kleinigkeiten überrascht. Trotzdem hoffe ich, dass ich viele Fragen irgendwie beantworten kann, weil es teilweise etwas anstrengend ist, jedem einzelnen das Gleiche zu erzählen und ich so eventuell Zeit spare, weil ich mich dann nicht 10 Mal wiederholen muss (auch wenn ich wirklich ziemlich gerne von diesen Kuriositäten hier berichte ^^).
Zu Anfang kann ich sagen, dass ich unglaublich humane Arbeitszeiten habe, was natürlich mein Langschläfer-Herz erfreut; das bedeutet, dass ich meistens zwischen 9 und 10 Uhr langsam aufschlummere, mich ganz entspannt fertig mache und frühstücke. Da ich so viel grünen Tee konsumiere, bemerke ich meinen Mate-Entzug nicht und bin Gott sei Dank nicht so sleepy wie sonst. So mache ich mich dann mit dem Fahrrad zu meiner Zugstation auf; Fahrrad fahren in Japan ist sehr abenteuerlich: abgesehen von den hügeligen Wegen ist der Linksverkehr doch schon gewöhnungsbedürftig; so kam es einmal vor, dass ich (natürlich ohne Helm, hier gibt es sowas irgendwie nicht wirklich oder nur von Mofa-Fahrern getragen) fast umgefahren worden bin; der klassisch-vergesse Schulterblick (beim Rechts-Abbiegen). Trotzdem fahren die Japaner alle sehr defensiv und vorsichtig; der Grund ist, dass es hier keine festgeschriebenen Gesetze gibt (wie zum Beispiel Rechts vor Links und wenn man das missachtet, ist Derjenige dann Schuld), sondern hier hat jeder Verkehrsteilnehmer eine Vorsichtspflicht und wenn man einen Unfall baut, liegt das Schuldverhältnis trotzdem bei 60% zu 40%. Deshalb warten auch Fußgänger vor Zebrastreifen, weil man natürlich nicht angefahren werden und noch dafür zahlen will.
Naja, nach ca. 5 min Fahrt kann ich mein Fahrrad bei einem großflächigen Fahrradparkplatz abstellen; auch wenn Japan jetzt nicht das „Fahrrad-Land“ ist, sind die Fahrradplätze und Abstellmöglichkeiten um Einiges besser aufgestellt als in Deutschland (neben offenen Parkflächen gibt es auch unterirdische Parkhäuser, etc.). Außerdem muss man sein Fahrrad nicht groß abschließen; kein Japaner würde sich trauen, etwas zu klauen oder nur eine Kleinigkeit zu verändern, wenn es nicht sein Eigentum ist (als Lübecker natürlich schwer vorzustellen). Manchmal fährt mir ein Zug direkt vor der Nase weg, was aber nicht schlimm ist, weil die Züge (auch am Wochenende) alle 10 min fahren.
Zug fahren in Japan ist toll (by the way, alles in Japan ist toll und funktioniert einfach); jedes Mal, wenn ich in den Zug steige, fühl ich mich wie in Spirited Away (=Chihiros Reise ins Zauberland) und zu alle dem sind die Züge alle pünktlich (surprise). Nach einer halben Stunde (das wird sich in Zukunft ändern, da ich meine Unterkunft wechseln muss und näher an die Stadt heranziehe) steige ich aus und gehe noch ca. 20-30 min durch die Stadt; entweder kümmere ich mich schon um meinen Einkauf oder ich bewundere die Läden und die Menschen mit dem aller-geilsten Kleidungsstil.

Meine Arbeit ist glücklicherweise nur ca. 10 min zu Fuß vom Bahnhof entfernt. Wenn ich da ankomme, läuft es eigentlich immer ähnlich ab; ich mache das, wo ich gebraucht werde (mal mach ich sauber, mal druck ich etwas aus, mal programmiere ich etwas oder bearbeitete Profile). Währenddessen unterhalte ich mich oft mit anderen Work&Travel-Teilnehmern, so wird es nicht langweilig. Nach durchschnittlichen 4 Stunden mache ich mich aber meist wieder auf den Heimweg. Meistens gehe ich dann noch durch die von künstlichem Licht beleuchtete Stadt (meist gehe ich noch zu meinem Stamm-Supermarkt und bediene mich an der Ecke, wo alles reduziert ist, weil es anscheinend „schlecht“ ist). Das Obst ist unglaublich teuer, aber unglaublich lecker; wenn ich meine Erdbeeren von der reduzierten Ecke kaufe, haben diese immer noch weniger schlechte Stellen, als wenn ich irgendwelche Bio-Erdbeeren von deutschen Supermärkten kaufe. Liegt vielleicht daran, dass hier alles doppelt und dreifach in Plastik eingewickelt ist… man gewöhnt sich dran, aber dazu will ich am Ende dieses (ausführlichen) Beitrags etwas sagen.
Ich gehe auch noch gern durch die Straßen, weil ich versuche zu vermeiden, zu Stoßzeiten mit dem Zug zu fahren (weil dann alles voller Anzugträgern ist und die Schlange zum Anstehen sehr lang wird). Außerdem erkunde ich immer gern neue Teile und Straßen von Fukuoka (Fukuoka ist ungefähr so groß wie Hamburg und ähnelt Hamburg auch sehr, weil es mehrere Kanäle und Brücken gibt und Fukuoka am Meer liegt). Vor allem entdeckt man immer wieder japanische Besonderheiten und Seltsamkeiten; letztens habe ich nur einmal eine Hauptstraße verlassen und befand mich plötzlich in einem Rotlicht-Viertel, wo sich eine Girls-Bar neben der nächsten gereiht hat und überall mit halb-nackten Frauen geworben wurde. Das so prüde Japan hat einige interessante Seiten, welche es auch gerne zur Schau stellt. Neben vielen LED-Reklamen und Karaoke-Werbungen reihen sich an den Straßenrändern viele verschiedene Yatai; dies sind bewegliche Essensstände, an denen jeweils 5-10 Gäste frisch zubereitetes Essen genießen können (natürlich hauptsächlich Fisch und Fleisch; das Leben als Vegetarier hier ist hart). Es ist wirklich ein Bild für die Götter, wenn es Abend wird und die ganzen Köche ihre Stände aufbauen und sich vor den beliebtesten Ständen schon eine Schlange von hungrigen Japanern bildet.

Wenn ich dann irgendwann gegen 19 oder 20 Uhr nach Hause fahre, erblicke ich viele schlafende (oder zockende) Schulkinder, die immer eine andere Uniform anhaben, da jede Schule seine eigene Kleidung hat und Japaner sehr viel wert drauf legen, auf welche Schule sie ihr Kind schicken. Ich steige aus dem Zug aus, fahre nach Hause, packe meinen Einkauf in den Kühlschrank und fange an, für mich zu kochen. Es macht wirklich viel Spaß, so selbstständig und selbstbestimmt sein Leben zu führen, vor allem weil ich (endlich) genau das Essen kann, was ich will. Und es ist unfassbar, wie lecker das Essen ist. Egal was ich mir zubereite, es schmeckt (besonders der Tofu ist nicht vergleichbar mit deutschem Tofu; ich werde in Deutschland keinen Tofu mehr essen können, weil das japanische Original nicht zu überbieten ist). Nachdem ich dann meine Ausgaben und Einnahmen protokolliere und nachzähle, mich noch etwas um Haushalt kümmere, fange ich an, mich fürs Bett fertig zu machen. Das ist auch die Zeit, wo ich anfange mit Freunden zu schreiben bzw. zu telefonieren. Mit 8 Stunden Zeitunterschied und meiner Nachteulen-Veranlagung nehme ich es gern in Kauf, meistens bis 2 Uhr morgens wach zu sein und mich auszutauschen. Irgendwann schlafe ich dann auch ein, nachdem ich den nächsten Tag etwas geplant hab.

Jetzt (wenn es überhaupt jemand geschafft hat, durch diesen etwas oberflächlichen Text hindurch zu lesen) will ich noch drauf eingehen, was das Leben in Japan mit einem macht bzw. was ich an mir selbst bemerke, wie es mich verändert.
Kurzgefasst: Wenn man hier lebt, hat man das Gefühl als gäbe es kein Leid auf der Welt und als würde alles funktionieren. Ich will auf gar keinen Fall generalisieren und das gesamte japanische Volk unter einen Hut stecken. Japaner sind alles andere als dumm oder verblendet; sie sind aber in vieler Hinsicht irgendwie einfacher gestrickt und setzen komplett andere Schwerpunkte als Menschen in der westlichen Welt. Es fängt zum Beispiel bei den Nachrichten an, die nicht über globale Krisen gehen, sondern über die Laubfärbung berichten (ich habe noch nie Volk gesehen, welches so fasziniert vom Herbst ist). Abgesehen davon sind die Straßen so sauber, dass man gar vergisst, welches Plastikproblem in der Welt herrscht. Nirgendwo liegt Abfall rum, so dass man einfach mal öfter zu einer Plastiktüte greift (man bekommt diese auch wirklich hinterher geschmissen); und ich muss beichten, dass ich in dieser kurzen Zeit leider mehr Plastik verwendet habe, als in den letzten 5 Jahren. Aber wenn man hier lebt, lebt man wirklich in einer Blase; oder einfach (wie für Inselstaaten üblich) isoliert von allem und jeden. Neben dem Müll, den man vergeblich sucht, findet man auch keine Obdachlosen. Armut und Obdachlosigkeit scheint es hier einfach nicht zu geben (der Grund dafür ist eigentlich viel trauriger als die Sachen an sich). Zusammengefasst gibt es keine Obdachlosigkeit oder Ähnliches, weil sich die Menschen einfach lieber selbst umbringen. Und dies geschieht nicht nur unter Personen, die wirklich alles verloren haben, sondern auch bei welchen, die vielleicht eine Lebensaufgabe nicht geschafft haben (zum Beispiel nicht den richtigen Partner/Partnerin gefunden haben); aus Scham und aus Wiederherstellung einer gewissen Ehre vollziehen Japaner den Suizid (die Denkweise stammt noch aus der Zeit der Samurai, welche den Harakiri vollzogen, um die Ehre der Familie zu behalten; und da es kein Christentum gibt, ist der Suizid keine Sünde; den Begriff der Sünde und der Schuld können Japaner auch nur schwer nachempfinden).
Japaner belächeln vieles, verbeugen sich aus Dankbarkeit, Höflichkeit und Respekt; man selbst fängt an, vieles zu belächeln, ich verbeuge mich aus Dankbarkeit und Höflichkeit und empfinde die Welt als positiv und frei von Problemen. Natürlich bin ich noch reflektiert genug, um zu wissen, was hinter dem Pazifik und dem japanischen Meer liegt, aber ich lebe in einer Art Traumwelt und es macht Spaß, immer tiefer in diese Welt einzutauchen und teilweise zu vergessen, was alles auf der Welt falsch läuft.




